Einleitung
Wenn wir die Orientierung verloren haben, wissen wir nur nicht mehr wie wir handeln sollen, sondern vor allem, nach welchen Werten wir unser Handeln innerlich ausrichten möchten. Es fehlt primär nicht an Möglichkeiten, sondern an unserem inneren Kompass, der die Richtung vorgibt. In solchen Phasen verlieren bisher selbstverständliche Werte, Ziele und Überzeugungen ihre Gültigkeit; unser Selbstbild gerät ins Wanken. Dass wir in solche Zustände gelangen, in denen unsere Absichten unklar, widersprüchlich oder gar vernebelt erscheinen, gehört zum normalen Erleben des menschlichen Geistes. Wenn wir uns jedoch erlauben, Orientierungslosigkeit als einen sinnbringenden Prozess anzunehmen, verändert sich der als negativ erlebte Zustand und wird zum Ausdruck eines inneren Übergangsprozesses.
Nicht-Wissen und Nicht-Tun
Solche Zustände zeigen sich häufig durch Antriebslosigkeit, innere Widersprüchlichkeiten, Entscheidungsunfähigkeit oder das Gefühl, festzustecken. Gedanken kreisen, ohne zu einem Ergebnis zu kommen und selbst vertraute, alltägliche Handlungen verlieren ihren Sinn oder ihre emotionale Resonanz. In einer Welt jedoch, in der Aktivität, Produktivität und Zielerreichung, also das Tun einen hohen Stellenwert einnehmen, sind diese inneren Zustände wenig erwünscht. Das Nicht-Wissen wird rasch als Mangel erlebt, der möglichst schnell behoben werden soll. Entsprechend greifen wir häufig zu äusseren oder inneren Stimulanzen oder wenden uns Strategien zu, die effizientes, erfolgreiches und vor allem messbares Handeln versprechen. Das Tun wird dabei zum Mittel, um das unangenehme Gefühl der Verlorenheit, der Leere oder Verunsicherung zu überdecken.
Die Aufforderung zum Überprüfen
Was in diesem schnellen Übergehen jedoch oft auf der Strecke bleibt, ist das Überprüfen der bisherigen Werte, Haltungen und Handlungsweisen. Denn der tiefere Sinn des Sich-verloren-Fühlens besteht gerade darin, dass bisherige Werte, innere Haltungen und äussere Handlungen, das bisher eine Richtung gegeben haben, nicht mehr stimmig sind. Sie passen nicht mehr zum aktuellen Lebensentwurf, zu Bedürfnissen oder zur gegenwärtigen Entwicklung. Ob diese Irritation des Selbstverstehens nun durch äussere oder innere Impulse erfolgt, ist irrelevant. Entscheidend ist, dass dieses innere Signal nicht verdrängt oder unterdrückt, sondern ernst genommen und erneut erforscht wird.
Würden wir dem Gefühl „ich bin verloren“ und der damit einhergehenden Verwirrtheit mehr Raum geben, entfalten sich innere Dialoge. Unterschiedliche Stimmen, die sich teils widersprechen und oft leise sind, würden hörbar: alte Überzeugungen, neue Bedürfnisse, verdrängte Wünsche oder lange überhörte Zweifel würden Raum bekommen. In diesem Prozess tauchen oft Aspekte unseres Selbstbildes auf, die bislang keinen Platz hatten oder verloren gegangen sind. Damit diese manchmal nur leise geflüsterten Worte, Ahnungen oder Körperempfindungen aus dem inneren Nebel hervortreten können, braucht es vor allem Zeit.
Am Anfang ist die Verdrängung
Doch bevor wir anerkennen können, dass wir «verloren sind», neigen wir dazu, diesen Zustand zu verdrängen. Um überhaupt dieses Gefühl wahrnehmen zu können, braucht es ein bewusstes Innehalten und ein achtsames Wahrnehmen dessen, was und wie sich diese innere Situation zeigt. Doch genau hier tauchen nicht nur angenehme Gefühle auf, sondern auch traumatisch eingepackte Verletzungen und Kränkungen können zur Bewusstheit gelangen. Ein Grund, warum das autonome Nervensystem auf Verdrängung schaltet. Erst ein willentliches Nicht-Tun erlaubt uns, dem Drang zu widerstehen, sofort handeln oder lösen zu müssen,. Erst dann kann sich der Nebel allmählich von selbst lichten – das braucht Zeit und Innehalten.
Das Signal für den Übergangsprozess
Orientierungslosigkeit und das «Verloren-sein» erweisen sich dann als ein fruchtbarer Zustand. Er eröffnet die Möglichkeit, das Selbstbild, das wir uns täglich durch Worte, Entscheidungen und Handlungen bestätigen, zu hinterfragen. Aus diesem Nicht-Wissen heraus kann Neues entstehen oder Altes in veränderter Form erneut bestätigt werden. In diesem Sinne ist Orientierungslosigkeit und Nicht-Wissen kein Zustand, den es schnell zu überwinden gilt, sondern ein Signal für einen bedeutsamen Übergangsprozess, in dem Entwicklung, Neuorientierung und innere Klärung überhaupt erst möglich werden.
Wie erlebst du Orientierungslosigkeit und wie gehst du damit um? Schreib es hier im Kommentar.
Dieser Text ist KI-frei geschrieben. Er ist entstanden durch das Erspüren und Ergründen von inneren Prozessen, kombiniert mit meiner Erfahrung aus der therapeutischen Tätigkeit als Gestalt- und Paartherapeut
copy please: unter Nennung des Autors: philippsteinmann.ch


Kommentar schreiben
Christoph (Dienstag, 06 Januar 2026 11:10)
Danke für die Einladung zum Innehalten in Zeiten, in denen es sich in mir drin schwierig anfühlt. In meinem neuen Leben als Pensionierter fühle ich diese inneren Nebelzeiten deutlicher. Das mach t mir auch Angst, und ich spüre den Drang, mich aus dem Nebel zu befreien. Ein Feld, dass ich deutlich erkennen kann, ist meine oft ungelebte Sexualität. Die Fragen nach Lust auf im Gegensatz zu Abhängig sein von sind seit langem dieselben - was möchte ich ändern? Wie kann ich offener sein und trotzdem zu meiner Paarbeziehung stehen? Wenn mein Körper verspannt ist und zu schmerzen beginnt, kann ich rausgehen und mit bewegen. Was mache ich, wenn mich die Sehnsucht nach Berührung wach hält?