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Die Antwort auf das „Wie“ wäre viel mächtiger als das „Warum“

Als Gestalttherapeut stelle ich in meiner Therapiearbeit immer wieder fest, wie schnell Menschen zum „Warum“ greifen und nicht zum „Wie“. Oft im Zusammenhang mit „schwierigen“ Situationen steht die Frage nach dem Warum unvermittelt und ohne Ankündigung im Raum. Anders wäre es sich dem „Wie“ zuzuwenden, denn das „Wie“ aktiviert, ermächtigt und verlangt nach vertiefter Innenschau.

 

Das Warum als Austiegshilfe

Nehmen wir mal an, Du kommst in eine Situation, in der es plötzlich nicht mehr stimmig ist. Etwas stört dich. Du fühlst dich unbehaglich. Du möchtest gerne dich irgendwie herauswinden. Natürlicherweise suchen Menschen dann einen Weg um Distanz zu dieser Situation zu schaffen. Doch ein anderer Teil deiner Persönlichkeit bleibt. In diesem Spannungsfeld von Weggehen und Bleiben übernimmt innerpsychisch der Kopf die Führung und die Türe zum Erklären wird geöffnet. Das ist der Moment, in dem sich die Frage nach dem „Warum“ präsent in den Vordergrund stellt. Es gibt diesen vordringlichen Wunsch erklären zu können, warum ich so , warum ich so handle, denke, fühle usw. Wenn dieser Raum geöffnet wird, stehen ganz viele „weil...“ zur Verfügung und „weil...“ und „weil...“. Die Liste ist selten abschliessend, unendlich lang und doch irgendwie nicht richtig befriedigend. Die Antworten sind oft unfertig, wertend und fehlerorientiert und versetzen Menschen meist in eine Opferposition. Es entstehen neue, oft unangenehme Gefühe, die wiederum abgewehrt werden wollen. Und dies verleitet zum Projezieren, zum Übertragen auf andere Menschen.

 

Mit den Antworten lassen sich einige Stunden mit Nachdenken und Diskutieren verbringen. Das schafft die nötige Distanz zur Situation, zu den Gefühlen und generiert zumindest im Moment Sicherheit. Meist ist dann irgend etwas erklärt. Ein Gefühl verbunden mit „Aha – so bin ich“ oder „so ist es“ kann sich einstellen.

 

Soweit könnte die Situation beruhigt sein. Doch auf der Strecke bleibt der unmittelbare Kontakt zu den tieferen Anteilen in uns selbst und damit die verbindende Beziehung zum Gegenüber. Die Lebendigkeit des Momentes geht verloren. Oft bleibt ein leichter, fahler Nachgeschmack im Nachklang, dass etwas nicht gelebt wurde. Was fehlt ist das direkte Wahrnehmen.

 

Das „Wie“ als Schlüssel zur inneren Welt

Anders wirken die Antworten auf das „Wie“. Wie geht es mir gerade jetzt in dieser Situation? Wie fühle ich mich? Die Antworten finden sich nicht in den äusseren Strukturen einer Situation oder in der Vergangenheit. Vielmehr sind sie in der Welt der Gefühle und der Körperwahrnehmung (Propriozeption) angesiedelt. „Wie“ aktiviert und fordert auf, sich nach innen zu wenden (Interozeption) und die eigene Gefühlswelt zu erkunden. Wem es gelingt, sich über die Grenzen der Scham hinaus in seiner ganzen Vielfalt wahrzunehmen und zu beschreiben, erlebt Zuwendung. Wer sich seiner Stimmung und seines Körpers bewusst ist, schafft eine vertiefte Beziehung zu sich selbst. Wenn die Beschreibung dieser Zustände auch noch wertfrei erfolgt, ermächtigen die Antworten zum selbstkreierten Wachstum.

 

„In diesem Forschungsraum erlebe ich mich selbst als anderer Mensch, der sich unterscheidet von dem Menschen, der analytisch denkt. Ich bekomme hier eine Ahnung von etwas tieferen in mir, von einer Persönlichkeit, die ich auch noch bin“.

 

Dieses Zuwenden verlangt Achtsamkeit, Wahrhaftigkeit und die Bereitschaft zum Wachsen. Es braucht einen bewussten Entscheid für die Arbeit mit dem „Wie“. Der Lohn dafür kann die Liebe zu sich selbst sein.

 

Die Einzigartigkeit der Wahrnehmung

In unserer Gesellschaft haben wir ein kulturell konditioniertes „Warum“. Analytisches Denken ist höher bewertet als Wahrnehmen und im öffentlichen Raum einfacher zu diskutieren. Argumente sind schnell zur Hand, lassen sich zu verschiedenen Menschen hin und her schieben, bewerten und auch wieder verstecken. Anders sind innere Wahrnehmungen. Diese sind einzigartig für jeden Menschen und haben ihren Wahrheitsgehalt unabhängig von der Meinung von andern Menschen. Sie lassen sich nicht wegdiskutieren und sind nicht verhandelbar. Eine Wahrnehmung als solches bezieht sich immer auf den eigenen Innenraum. Das was dort geschieht, kann niemand von aussen wahrnehmen. Vielleicht können wir als Betrachtende Signale (Mimik, Gesten, Haltung) erkennen und daraus eine Fantasie ableiten, aber mehr nicht. Und es ist notwendig, dies als Fantasie zu deklarieren. Alles andere wäre ein Übergriff und eine Selbsterhöhung der betrachtenden Person.

Einzig bewertbar sind Wahrnehmungen und dies vorallem durch unsere eigenen inneren Kritiker*innen.

 

Der Zugang zum „Wie“

Um wie viel leichter fühlt es sich an, wenn ich so sein kann, wie ich mich jetzt gerade wahrnehme. Dann identifiziere ich mich mit diesem Teil meiner Persönlichkeit, der auch hier sein will. Das ist nicht immer eine einfache Sache, besonders wenn mein inneres System auf Flucht oder Kampf eingestellt ist, was in unangenehmen Situationen meist geschieht. Was hilft ist zuerst einmal zu atmen. Innehalten, alles rundherum und in sich zu verlangsamen und dann die Spuren zu suchen, die die Antworten zum „Wie“ beinhalten. Das fühlt sich manchmal wie eine aerchologische Arbeit an. Es ist ein Hinabtauchen in den Körper und mit der Aufmerksamkeit dahin zu gehen, wo die Energie ist, auch wenn es blockierte oder unfreundliche Symptome sind. Das Warhnehmen und anschliessende Ausbreiten dieser Signale ist das Tor, das zu einer anderen Definition von Ich führt. Ein Ich, das mehrheitlich aus vielen unbewussten Teilen besteht, die alle sicht-, hör- und fühlbar sein möchten.

In meiner therapeutischen Arbeit mit Einzelpersonen und Paaren ist ein wesentlicher Teil nach diesem „Wie“ zu fragen und dies zu erforschen. Hier kommen Persönlichkeitsanteile zum Vorschein, die es lohnt näher kennen zu lernen und sich mit ihnen anzufreunden, auch wenn sie sich als Dämonen verkleiden sollten.

Philipp Steinmann

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